Riz Bar, Frankfurt: Sonntagspartys im  Rotlichtviertel
Otto und Renata in der Riz Bar, ca. 1996.

Riz Bar, Frankfurt: Sonntagspartys im Rotlichtviertel

Mai 19, 2021 8 Von Alexander Antonakis

Das Frankfurter Bahnhofsviertel entwickelte sich in den frühen 90ern zum Partymagneten. Das bewährte Prinzip: Man checkte irgendein plüschiges Rotlicht-Etablissement aus und besetzte es mit DJs, Live-Acts und Szene-Publikum. Das taten auch Thorsten Franke und Otto Pfeiffer, die von 1995 bis 1997 in der Riz Bar (Elbestraße) mit einem bunten Programm den Sonntagabend belebten. Neben Geschichten und Fotos aus der Zeit darf man sich im Beitrag auf knapp fünf Minuten altes Filmmaterial freuen, das den Vibe der Abende sehr gut vermittelt.

Irgendwann im Jahr 1996. DJ Dmitry von Deee-Lite („Groove is In The Heart“), DJ Meat und ich stehen in der Riz Bar zusammen hinter den Plattenspielern auf der kleinen Empore inklusive Sitzecke. Dort liefern wir als Trio Infernal ein House-Set ab, das vor Früh-90er-Chicago-Detroit-New-York-Zeugs à la Cajual, Planet E und Henry Street Records nur so strotzt. Die Regler des altehrwürdigen Rodec MX 180 befinden sich unter Dauerstress. Auf der Tanzfläche und um den Tresen herum feiert eine recht familiäre Partycrowd ausgelassen in den Montag hinein. Easy, die meisten können sowieso unbeschwert ausschlafen.

Diese einmalige DJ-Konstellation kam damals dank Andrea Wünsche zustande. Sie arbeitete an den Sonntagen gelegentlich in der Riz Bar an der Theke und war Teil der Frankfurter Band 3 Pussy Kisses. Damals startete sie außerdem ihre Karriere als Bookerin und brachte Leute wie Claude Young, Dmitry und weitere internationale Acts der Elektronik-Szene nach Deutschland. 1996 gründete sie die Agentur Magnet Booking (später Magnet Musik), die sie fast 25 Jahre lang führte und Ende 2019 auflöste.

„Wenn die DJs für Gigs nach Europa kamen und ich keine anderen Shows für die Sonntage finden konnte, habe ich meine Künstler gefragt, ob sie Lust haben in einer kleinen Red-Light-Bar aufzulegen. Die meisten fanden das gut. Und da ich sehr eng mit Otto und Thorsten befreundet war, haben wir das Programm oft gemeinsam gemacht„, erzählt die heutige Wahlberlinerin.

Bock auf Party Otto und Thorsten machen die Riz Bar klar

Inspiriert von Läden wie Romantica, Intimbar, Lissania und Maxim machten Otto und Thorsten Mitte der 90er Jahre eine weitere Rotlicht-Oase im Frankfurter Bahnhofsfviertel aus, die geradezu prädestiniert dazu war, als neue Szene-Location umfunktioniert zu werden. Die beiden waren an einem Sommerabend ziemlich gelangweilt von dem seinerzeit noch von Sperrstunde geprägten Nachtleben und wollten einfach selbst etwas auf die Beine stellen. Wobei der Spaß an erster Stelle stand. Dass man Geld damit verdienen konnte, war zweitrangig. Der Party-Durst war einfach groß. Doch die Clubfindung war teuer. „Wir waren in jedem scheiß Laden, der irgendwie Stangentanz hatte und haben uns dort reingesetzt. Das hat einen Arsch voll Geld gekostet“, erzählt Otto.

Thorsten und eine Freundin in der Riz Bar. Foto: privat.

Irgendwann saßen sie, vom Ambiente recht angetan, in der Riz Bar, die eine Konzession bis 4 Uhr hatte. Dort fragten sie die in Lack-Overknees gekleidete Barfrau nach dem Besitzer. Im Hinterraum wurde dann ganz lässig der Deal eingetütet: „Ja, gut, ihr könnt hier Party machen“, sagte der Chef unkompliziert und bot ihnen den Sonntagabend gegen eine „gewisse Summe“ an. Denn er war sogar froh um die Anfrage, da sonntags seine Klientel eher ausblieb. Da sind die Herren in der Regel bei ihren Familien. Es ergab sich sozusagen eine Win-win-Situation.

An den Eröffnungsabend kann sich Otto noch sehr gut erinnern: „Wir hatten nur ein paar Flyer verteilt, aber trotzdem stand halb Frankfurt vor der Tür – und das an einem Sonntagabend. Die 3 Pussy Kisses, eine der legendären Girl Bands Frankfurts, waren unser Live-Act. Der DJ, der auflegen sollte, drohte abzusagen. Der Grund: Er hatte erfahren, dass die Mädels die eigentlich regulär unter der Woche an der Stange tanzten, dies auch am Eröffnungssonntag machen würden. Seine Freundin fand das uncool. Diese Idee gaben wir eh recht schnell auf, da keine Maus mehr in den Laden passte – so voll war es in der ersten Nacht.“

Flyer-Entwurf zu einer Party, April, 1995. Foto: privat.

Natürlich kam das Ordnungsamt vorbei und machte eine Dezibel-Messung. Ansage: „Lauter als eine Harley.“ Man drückte aber ein Auge zu und die frischgebackenen Partymacher versprachen, das nächste Mal nicht so eine fette Sound-Anlage anzumieten. Man dachte sich aber: „Hey! Hier ist das Bahnhofsviertel und nicht das verschlafene Westend.“ Und obwohl an dem Abend auch die Polizei mal kurz reinschneite, stand alles unter einem guten Stern. Es gab keinen Ärger. Die angerückten Beamten wunderten sich lediglich, dass an einem Sonntagabend plötzlich ein ganz anderes Publikum in der Riz Bar anzutreffen war als sonst. Auch ein paar Barbesitzer und Zuhälter ließen sich blicken. Sie waren vor allem neugierig, ob all die Gäste brav die üblichen Preise für Hausmarken-Sekt und Bacardi-Cola zahlten.


„Wenn wir das Geld im Hinterzimmer zählten, kratzte derweil unser Türsteher das Koks von den Kanten der Poker-Spielkarten und konnte daraus noch bequem eine Line ziehen. Mir war’s schnuppe! Habe das nie genommen. Alkohol und Gras reichten mir völlig.“ (Otto)


Tine hinter der Theke bei der Arbeit. Foto: privat.

Der Ort des Geschehens und Pokern im Hinterzimmer

Die Riz Bar war unter der Woche eine waschechte Table-Dance-Perle im plüschigen Red-Light-Look. Links vom Eingang befand sich gleich die kleine Tanzfläche, dahinter der DJ-Bereich. Auf der rechten Seite schlängelte sich der verspiegelte Tresen mit Barhockern entlang. Mehrere Spiegelsäulen und Sitzgelegenheiten befanden sich in der mit allerlei schrägen Accessoires geschmückten Räumlichkeit, die vielleicht um die 100 Leute auf einmal beherbergen konnte. Ganz hinten waren die Klos und weitere private Räume.

Partyflyer von 1996. Foto: privat.

Wie das berüchtigte Hinterzimmer. Der Ruheort an hektischen Sonntagen. Eigentlich war es nicht viel mehr wie ein Abstellzimmer mit einem Pokertisch. Hier gab es Krisenmeetings, es wurde Geschäftliches besprochen, Geld gezählt, die DJs und Bands für die nächsten Wochen klargemacht und Demotapes gesammelt. Vieles drang nicht an die Öffentlichkeit: „Wenn beispielsweise das Geld im Hinterzimmer gezählt wurde, kratzte derweil der Türsteher das Koks von den Kanten der Poker-Spielkarten und konnte daraus noch bequem eine Line ziehen. Mir war’s schnuppe! Habe das nie genommen. Alkohol und Gras reichten mir völlig“, erzählt Otto.

Auf den Toiletten ging es zu wie im New Yorker Punk Club CBGB. Nur mit dem Unterscheid, dass in der Riz Bar noch Türen existierten. Otto ging dort recht selten nach dem Rechten schauen – und wenn dann eigentlich nur wegen der Kokserei. Damit das nicht so offensichtlich geschah. Dann gab es gemütliche Sitzpodeste sowie Séparées mit orangefarbenen Vorhängen. Und wie in jeder guten Bar im Bahnhofsviertel lautete das Motto hinsichtlich der Ereignisse in den abgeschirmten Bereichen: Leben und leben lassen.

Easy living: Gäste im Séparée. Foto: privat.

Elektronik vs. Rock – der Sound in der Riz Bar

„Thorsten und ich hatten so eine Art konzeptionellen Twist“, erzählt Otto. „Ich war mehr Gitarre, er mehr Elektro. Thorsten hatte sehr gute Kontakte zu Künstlern aus der elektronischen Musikszene. Bei uns legten DJs wie Dmirty von Deee-Lite oder Claude Young auf. Das weiß heute fast keiner mehr. Ich hatte wiederum ganz gute Connections nach Hamburg und Berlin zu Bands wie Die Sterne oder Stereo Total. Daher teilten wir uns die Sonntage auf und jeder hat dann auf seine Art experimentiert. Irgendwann waren wir sogar mal Nummer Eins in der Spex: als Frankfurts bester Club für Live-Acts.“

Einige Bands & DJs, die in der Riz Bar spielten

Stereo Total, Gogo Gunnar, Stereo Total, DJ Dmitry, Sven Anders, Donna Nevada (aka DJ Freitag), Glamour Ghouls, 3 Pussy Kisses, Andreas Mandrysch, Claude Young, DJ OZ, Donna Nevada, Roland Leesker, Indische Sitar-Spieler, AL-X, DJ Hellcat

Einige Bands & DJs, die in der Riz Bar spielten

Stereo Total, Gogo Gunnar, Stereo Total, DJ Dmitry, Sven Anders, Donna Nevada (aka DJ Freitag), Glamour Ghouls, 3 Pussy Kisses, Andreas Mandrysch, Claude Young, DJ OZ, Donna Nevada, Roland Leesker, Indische Sitar-Spieler, AL-X, DJ Hellcat

Soundmäßig war also jeden Sonntag etwas anderes zu erwarten. Das Spektrum reichte von Rock über TripHop und Drum’n’Bass bis hin zu House und Techno. Genauso gemischt war das Publikum, das sich Sonntag für Sonntag in und insbesondere auch vor der Riz Bar versammelte. Den Reiz machte für die Gäste das Andersartige aus. Es ging darum, abseits der offiziellen Clubs ausgehen zu können, Abenteuer zu erleben, in eine andere Welt reinzuschnuppern – dort Party zu machen, wo sonst leichtbekleidete Frauen an der Stange tanzten.

DJ Freitag aka Donna Nevada. Foto: privat.

Danach in den Geheimclub im Bahnhofsviertel

Nach kurzer Zeit waren Thorsten und Otto im Bahnhofsviertel bekannt. Otto unterstützte hin und wieder mit seinen Fähigkeiten als Werbetexter den Besitzer der Riz Bar bei besonderen Anliegen – lästigen Behördenbriefen oder der Korrespondenz mit Kreditkartenfirmen, denen der Preis des Hausmarke-Sekts bei der Abbuchung nicht ganz einleuchtete. So konnte er auch unter der Woche jederzeit in das Etablissement einlaufen, um sich seinen Drink hinter der Bar zu machen. „Da gab’s eine Menge braver Mädchen auf meinen Anrufbeantworter, die die Riz Bar auch mal unter der Woche sehen wollten“, schmunzelt Otto.

Eine Hand wäscht die andere. Egal wo er mit seinem verbeulten Mercedes parkte, es war klar, dass sich niemand auf das Auto setzte. Man wurde beschützt. Und in so manches Bahnhofsviertel-Geheimnis eingeweiht. Einmal hatte ihn Barchef „Martin“ nach Schluss zu Seite gezogen und gemeint: „Otto, jetzt gehen wir noch mal weg. Kurz darauf standen die beiden plötzlich vor irgendeiner Haustür in der Elbe- oder Moselstraße und haben bei Familie „Müller-Meier-Schulze“ geklingelt. „Ja, bitte“, ertönte es durch die Sprechanlage. „Ich bin’s, Martin, mit Otto“, und die Tür ging auf.


Nun folgte eine unterirdische Odyssee: „Wir gingen durchs Haupthaus in den Hinterhof. Dann in eine Kellertreppe runter, dort eine Stahltür mit Buzzer. Weiter durch einen Keller, noch eine Tür und Buzzer. Hundert Meter laufen, wieder ne Stahltür und Buzzer. Wir sind unterirdisch quasi durchs halbe Bahnhofsviertel gelaufen. Dann, nach gefühlt mindestens fünf Türen und Buzzern, öffnet sich eine Kneipe, die es eigentlich gar nicht geben darf. Dort saß morgens um halb 5 Uhr ein buntes Volk – wie in einer Weltraumbar. Das Erste, was ich sah, war ein Typ hinter der Theke, der Gläser putzte. Hinter ihm Monitore mit den ganzen Stahltüren, durch die wir gekommen waren. Martin stellte mich ihm vor und der Barkeeper nur ‚ah, Otto, endlich lernen wir uns mal kennen‘. Fast jeder wusste, wer ich bin, aber ich kannte keinen, der dort rumsaß„, erzählt Otto.

Es war Mitte der 90er Jahre, der Jugoslawien-Krieg war noch nicht lange vorbei und hier trafen sich offenbar die „krassesten Typen ever“. Sein Begleiter meinte damals trocken: „Willst du einen Krieg anfangen? Brauchst du Panzer? Frag den. Brauchst du Handgranaten? Frag den da drüben.“ Zwischendrin saßen Prostituierte, die nach ihrer Schicht einkehrten. Überall wurde vom Tisch weg haufenweise weißes Pulver geschnieft. Otto: „Das war der Wahnsinn. Der Laden hätte niemals hochgenommen werden können. Das SEK hätte Tage gebraucht, sich durchzuschweißen.“

Tragische Lebensgeschichten

Leider ist die Geschichte mancher Protagonisten aus der Riz Bar auch eine traurige. So hatte Ottos Partner Thorsten Ende der Nullerjahre auf dem Nachhauseweg von einer Yachtklub-Party einen schlimmen Fahrradunfall, von dem er sich nie wieder richtig erholte. Er lag jahrelang gelähmt in einer Art Wachkoma im Pflegeheim, bevor er an einer Lungenentzündung verstarb. Seine Frau Esther hielt tapfer zu ihm und kümmerte sich liebevoll in all den leidvollen Jahren um ihn. Er hinterließ einen Sohn und eine Menge Freunde, die sein letztes Kapitel zutiefst schockierte.

Ein langjähriger und enger Freund von Thorsten war Stefan Weil, einer der Inhaber des Frankfurter Designstudios Atelier Markgraph. Er erinnert sich: „Thorsten ist viel zu früh von uns gegangen. Wir haben damals gemeinsam an der Tür des Mainzer ‚Brückenkopf‘ gestanden, auf der Eisenbahntreppe vor der ‚Kapp’ gesessen und auf dem Tresen im Omen getanzt. Als Fotograf hat er für die LAW Agentur (Lust, Arbeit, Wahrheit – von Laarmann und Weil) und die einmalige Ausgabe ‚Das Herz – Organ für Popkultur‘ gearbeitet. Er war einfach ein großartiger Mensch.“

Oliver Zimmermann alias DJ OZ. Foto: privat.

Ein weiterer sehr guter Freund und Weggefährte, Oliver Zimmermann aka DJ OZ, starb im Februar 2008 an Krebs. Er war ein leidenschaftlicher Schallplattensammler, super DJ und Musik-Connaisseur mit einer coolen und ehrlichen Art, die seine Gegenwart unheimlich angenehm machte. Anfang der 90er Jahre arbeiteten wir gemeinsam bei einem Frankfurter Kurierdienst. In den Pausen saß er regelmäßig draußen auf der Treppe und checkte Groove-Hefte nach Musikneuheiten. Wir legten auch öfters zusammen auf. Wie zum Beispiel bei der Eröffnung von Fritz Deutschland in Rödelheim und hatten zudem eine coole Party zusammen mit DJ Meat im Exzess Café, die wir unter Standing Ovations mit „The Climax“ von Paperclip People beendeten. In den Nullerjahren arbeitete er im Pro Vinyl und war Stammgast auf Underground-Events und in lokalen Plattenläden wie Freebase und City Beat Records.

Unvergessliche Zeiten

Wenn Otto auf die Riz-Zeiten zurückblickt, gerät er ins Schwärmen: „Was im Nachhinein schön war: Es gab nie Schlägereien, Drogenskandale und schlechte Vibes. Es waren immer schöne Partys mit tollen Menschen. Es war bunt, schräg und open-minded. Jeder war willkommen. Ich liebte diese Mischung aus Bohemians, Künstlern und Studenten – einfach alle, die es sich leisten konnten, sonntags bis um 4h auszugehen.“

Der Flyer zu Ottos 30sten Geburtstag. Foto: privat.

Der 30. Geburtstag war ein Break in Ottos Leben und für die Riz Bar. Zu diesem Anlass fand am 22. Juni 1997 die letzte Party statt. Es wurde ein bisschen ernster: „Seitdem habe ich eine Menge Geschäfte gemacht – mit Bankern, Vorständen und egomanischen Werbern. Nirgends ging es letztlich so korrekt zu wie im Bahnhofsviertel. Ich bin froh und dankbar, das alles zur richtigen Zeit erlebt zu haben – Sex, Drugs and Rock´n´Roll sind am besten, wenn man jung ist. Und wir haben alle damals zweimal „hier“ gerufen – wir haben uns die Partys geschaffen, die Frankfurt uns nicht geben konnte“, sagt Otto.

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