Club Maxim, Karlstraße 17: Wildstyle im Frankfurter Bahnhofsviertel

Club Maxim, Karlstraße 17: Wildstyle im Frankfurter Bahnhofsviertel

November 23, 2020 23 Von Alexander Antonakis

Während Techno in Frankfurt Anfang der 90er Jahre boomte, feierte im Club Maxim eine bunte Party Crowd abseits der Rave-Hymnen zu Musik jeglicher Couleur – von Rock und Disco aus den 70ern, über 80er-Hits, Acid Jazz und HipHop bis hin zu Grunge, TripHop und House. Die Zusammensetzung des Publikums und des Teams war dabei mindestens genauso wild wie das nächtliche Geschehen auf dem Dancefloor und rund um den Tresen.

Razzia im Maxim, Frühjahr 1993, ca. 3 Uhr morgens. Plötzlich stehen Polizisten mit Maschinengewehren neben mir in der DJ-Kanzel. „Musik sofort ausmachen“, lautet ihr Befehl. Das Licht geht an. Der Club ist zum Bersten voll. Stillstand. Von 100 auf 0. Etwa zehn Beamte in voller Kampfmontur geben nun den Ton an. Kontrollen. Keine Ahnung, was die wollen. Dann verschwinden die Störenfriede wieder so schnell, wie sie gekommen sind.

Blick von der DJ-Kanzel auf die Tanzfläche. Vorne das Lichtpult. Foto: privat.

Ich lege „Fuck The Police“ von N.W.A. auf. Die Message kommt an: Der Laden fliegt förmlich auseinander. Erst mehr als 20 Jahre später erfahre ich von meinem ehemaligen Kollegen Flo, dass zu diesem Zeitpunkt die bis an die Zähne bewaffneten Polizisten noch im Gang ihrer Arbeit nachgingen, außerhalb meiner Sichtweite. Nach dieser Nacht sollte im Maxim einiges anders werden.

Vom Table-DanceLokal zum angesagten Szene-Club

Alles begann mit dem K17. Eine Rotlicht-Oase im 70er-Jahre-Plüsch-Ambiente. Hier organisierte ab Anfang 1989 Hans Romanov donnerstags Clubabende losgelöst von jeglichen musikalischen Restriktionen. Kurz darauf stieß Anja Weil hinzu, und so kamen zwei kreative Menschen mit unterschiedlichem Background zusammen.

„Hans kam eher aus der Party-, ich aus der Kunstszene. Wobei wir künstlerisch gesehen beide aus der Industrial-Richtung kamen, erzählt Anja. „Bei der Musik haben wir uns getroffen. Wir wollten eine Spielwiese schaffen, auf der man die Freiheit hatte, verschiedene Stile miteinander zu verbinden. Zudem wollten wir auch neuen DJs die Möglichkeit geben, sich bei uns auszuprobieren. Das hat die Vielfalt ausgemacht, für die das Maxim stand.“

Anja im Maxim, irgendwann in den frühen 90ern. Foto: privat.

Anja hatte mit dem „Exil“ zunächst eine kleine Bar in Sachsenhausen (heute Bar Oppenheimer), ist Gründungsmitglied von Radio X e.V., arbeitete als Disponentin und Schallplattenfachverkäuferin im Plattenladen „Montanus“ in der B-Ebene der Hauptwache und war im Vorstand des Kunstvereins 707 e.V. Hierüber wurde Hans Ende der 80er-Jahre auf Anja aufmerksam. Er hatte damals, frisch aus Berlin kommend, in Frankfurt begonnen, Partys zu schmeißen, und lernte recht schnell Leute kennen. Seine ersten Veranstaltungen richtete er 1987 im No Name („Thursday‘s Night Child Club“) und im Nouvelle aus.

Aufgrund des sich schnell einstellenden Erfolges ihrer Clubnächte, bot der damalige K17-Betreiber den beiden das Wochenende und den Montag an. Anfang 1990 übernahm Hans jedoch das Romantica und klinkte sich aus. Anja machte daraufhin den Laden unter dem Namen Maxim alleine weiter.

Der Eingang vom Maxim. Foto: privat.

„Es war eine Zeit, in der die Musik härter wurde. Fetisch-Partys nahmen zu, Lack und Leder wurde trendy, vieles veränderte sich. Damals gab es auch die ersten Führungen durchs Bahnhofsviertel. Das war für viele wie ein Kick“, sagt Anja.

Eine Disco in einem Rotlicht-Etablissement war aufregend neu. Das Maxim lockte immer mehr Neugierige an. Anfang der 1990er-Jahre wurde Frankfurt außerdem von der wachsenden Rave-Szene und stringenten 4/4-Takt-Abfahrten dominiert. Daher wurde der Club auch zu einem Zufluchtsort für von Techno und Trance gelangweilte Nachteulen, die sich auf der Suche nach neuen Abenteuern befanden.

„Welcome to the Pleasuredome“

Irgendwann Anfang 1990. Gehört hatte ich von dem Club im Bahnhofsviertel schon öfter, verbrachte aber seinerzeit meine Nächte noch vorwiegend im Cookys, Sinkkasten oder Omen. Ich war 19 Jahre jung, hatte gerade das Abi und den Zivildienst vor mir, trug lange Haare, die fast bis zum Po reichten, Ohrringe, enge Jeans, 80er-Jahre-Sneaker und wahlweise Jeans- oder Lederjacke.

Anja und Peter an der Tür. Foto: privat.

So stand ich eines Abends vor Peter. Einem der ersten Türsteher vom Maxim, ehemaliger Boxer und gelernter Masseur. Sein persönlicher Dresscode: Glatze, meist knallenge, abgeschnittene Jeans, Bergsteigerschuhe, Brille, klotzige Königskette, Goldringe und ein ärmelloses W.A.S.P.-Shirt mit der Aufschrift „I fuck like a beast“. Der muskelbepackte Hüne gewährte mir Einlass, und der Club übte sofort etwas Magisches auf mich aus. Das Maxim wurde für mich und viele meiner Freunde DAS neue Wohnzimmer.

Die Räumlichkeiten und der Umbau

Genaugenommen gab es zwei Maxim-Phasen, die vor und die nach dem Umbau. Nach der erwähnten Razzia stellten sich die Beamten an den Eingang und zählten die Besucher beim Verlassen des Clubs. Hunderte Gäste zwängten sich durch den Laden, viel zu viele für den Club. Die Folge waren strengere Auflagen, die man zunächst aber nicht erfüllen konnte. Daher war eine räumliche Vergrößerung unumgänglich.

Der gekachelte Gang war an gut besuchten Tagen ebenfalls übervoll. Foto: privat.

Der Umbau war ein einschneidendes Ereignis: „Ursprünglich gab es im Eingangsbereich vor dem Gang einen kleinen Vorraum, in dem ein Flipper und ein Tischfußball standen. Der Boden und die Wände waren bis zu den Spiegeln mit schwarzem Teppich versehen, die später durch Kacheln ersetzt wurden. Links von der Tanzfläche gab es noch mehrere Sitznischen, das machte den gemütlichen Charakter aus,“ erinnert sich Anja.

Um mehr Platz zu schaffen, fand im Sommer 1993 der Umbau in Kooperation mit Fritz Deutschland e.V. statt. Unter der Leitung von Kai Guse wurde der Club in kürzester Zeit umgebaut. Unbehelligt von den Maßnahmen blieb dabei die DJ-Kanzel in der linken Ecke und die danebengelegene Sitztreppe. Ebenso original erhalten blieb auf der rechten Seite der lang geschwungene Tresen mit Barhockern und Sitzecken sowie die Tanzfläche mit ihren charakteristischen, verspiegelten Säulen.

Die Crew: „We Are Family“

Schnell lernte ich Anja besser kennen und stand oftmals stundenlang bei ihr vorne an der Kasse, um mich mit ihr zu unterhalten – natürlich auch über Musik. Ich gab ihr schließlich ein Mixtape und im Spätsommer 1990 legte ich im Maxim das erste Mal als DJ auf. Etwa zwei Jahre lang, so etwa zwischen 1991 und 1993, arbeite ich zudem am vorderen Tresen. Nun war ich Teil der Familie.

Der Maxim-Stempel. Foto: privat.

Man verstand und mochte sich, der Spaßfaktor war groß. Viele Freundschaften entstanden, die teilweise bis heute bestehen. Wir unternahmen auch privat einiges gemeinsam, gingen essen oder Billard spielen. 1994 nahmen wir mit einer Mannschaft am Fußball-Event „Frankfurter Club Cup“ teil. Zur alljährlichen Weihnachtsfeier trafen wir uns traditionell im Seckbacher „Zum Rad“. Und, das war damals in der Gastronomieszene nicht gerade Usus: Wir wurden großzügig entlohnt.

„Ich wollte für alle ein Stück Freiheit schaffen. Keiner hat so viel Geld verdient, wie bei uns. Das war mir besonders wichtig. Alle konnten gut vom Job leben. Dadurch gab es für die Leute viel Raum, sich zu entwickeln, es herrschte kein Stillstand“, blickt Anja zurück.

Die Crew war bunt gemischt, und die meisten waren gerade Anfang, Mitte 20.  Einige studierten Jura, Kunst oder irgendwas im Medienbereich. Über allem schwebte eine gemeinsame Ausrichtung, die mit der Sinnfrage zu tun hatte. Wir waren auf der Suche, im Aufbruch. Und wir hatten den passenden Soundtrack dazu.

Kreuz und quer durch die Musikgeschichte

Im Maxim mixten die meisten DJs ohne Gnade verschiedenste Musikstile zusammen. Das hatte teils schier unmögliche Übergänge zur Folge. Einige perfektionierten diese Art aufzulegen und wurden zu kreativen „Brückenbauern“. So folgte beispielsweise auf HipHop von Public Enemy oder Paris etwas von Body Count oder Rage Against the Machine. Daraufhin landete man bei Pearl Jam, Danzig oder Nirvana. Das alles dann wieder zurück und hin und her.

Micky an den Decks. Foto: privat.

Die Freitage waren generell rocklastiger. Samstags ging es hingegen mehr in Richtung Dance zur Sache. Typische Maxim-Hits waren etwa „Give It Away“ von den Red Hot Chili Peppers, „These Sounds Fall Into My Mind“ von den Bucketheads, Miriam Makebas „Pata Pata“, „I Believe In Miracles“ von den Jackson Sisters, „Hip Hop Horay“ von Naughty by Nature, Sachen von Jimi Hendrix wie „Crosstown Traffic“ und upfliting Breakbeats von den Propellerheads, Prodigys „Out Of Space“ und Party-Rap von den Beastie Boys.

Dieser wilde Genre-Mix spiegelte sich in Anjas musikalischem Motto wider: „Probiert aus, seid aber freundlich zu den Leuten und überfordert sie nicht.“

Ebenso moderner und alter Funk von Jamiroquai oder der Average White Band, Rap von Dr. Dre oder Cypress Hill, Songs wie „Egyptian Reggae“ von Jonathan Richman, Dance Classics wie „Relight My Fire“ oder Hits von den Stereo MCs, Deee-Lite, Santana oder den Beatles füllten die Tanzfläche. Die ganze Audio-Suppe wurde schließlich angereichert mit TripHop, Jungle, Neue Deutsche Welle, R’n’B, Pop, Afro, Obskures, Dancehall, Reggae, Techno und mehr.

Konzerte und kulturelle Veranstaltungen fanden unregelmäßig mittwochs statt. Darunter Auftritte von Rinderwahnsinn, der Electric Family oder den 3 Pussy Kisses. „Bei Konzerten war es uns besonders wichtig, ein Abbild der jungen Frankfurter Bandszene zu geben“, sagt Anja. Hin und wieder waren auch auswärtige Acts zu Gast, wie zum Beispiel Bernd Begemann, der in Frankfurt mit seiner Band „Die Antwort“ seine allererste Tour im Maxim spielte.

Donnerstags wurden in den frühen Maxim-Tagen Straßenmusiker eingeladen oder es gab diverse DJ-Abende. Irgendwann Mitte der 90er folgten zwei Clubnächte von und mit Dr. No „d”äny, der einen Mix aus Funk, Elektronik und Breakbeats mit Surf, 60s Garage und Rock’n’Roll in gekonnter Wildstyle-Manier zusammenschraubte. Kurzum: Im Maxim war alles möglich. Sogar Schlagerpartys.

Einige Clubnächte und DJs

Montags: Doc Weil (bis ca. 1993)
Dienstag: NDW mit Andy, später Blub Club mit DJ Jan
Mittwoch: Konzerte, Filmabende, Clubnächte wie A Tribe Called Vibe, Urban Beats oder A Trip To Jungle
Donnerstag: Straßenmusiker live, diverse DJs, Weird Food Club und später Omas Wohnzimmer in Space mit Dr. No „d”äny
Freitag: DJs Jan, Cem Oral, Can, Freitag, Andi, Flo, Robbie, Jens, Claude, Michi
Samstag: s-tone, Jan, däny, Micky, Alex, Oli Z., Marschmellows, Frisbee

Einige Clubnächte und DJs

Montags: Doc Weil (bis ca. 1993)
Dienstag: NDW mit Andy, später Blub Club mit DJ Jan
Mittwoch: Konzerte, Filmabende, Clubnächte wie A Tribe Called Vibe, Urban Beats oder A Trip To Jungle
Donnerstag: Straßenmusiker live, diverse DJs, Weird Food Club und später Omas Wohnzimmer in Space mit Dr. No „d”äny
Freitag: DJs Jan, Cem Oral, Can, Freitag, Andi, Flo, Robbie, Jens, Claude, Michi
Samstag: s-tone, Jan, däny, Micky, Alex, Oli Z., Marschmellows, Frisbee

Das Publikum, eine Zeit des Wandels – und Dragan

So facettenreich wie die Musik und das Team war auch das Publikum: Studenten, Milieu-Gestalten, Szenevolk, Touristen und Banker standen Woche für Woche meistens in einer langen Warteschlange bis zur Niddastraße an.

Der Dancefloor. Foto: Fara.

Einige Stammgäste von damals haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Etwa der ältere, gut gelaunte Typ mit dem Hut, der stets sehr imposante Dance Moves hinlegte. Oder der riesige California-Boy in weißem Feinripp-Unterhemd, der ebenfalls die meiste Zeit tanzend am Dancefloor verbrachte.

Nicht zu vergessen mein Freundeskreis. Allein aus dieser Ecke traf man zur Hochphase am Wochenende bestimmt 40 bis 50 Leute im Maxim an. Dazu gehörte unter anderem auch Dinko, der eine Zeit lang bei meinen Gigs mit viel Enthusiasmus das Lichtpult bediente.

Gäste am vorderen Tresen. Foto: privat.

Dann kam eine Zeit des Wandels. Mitte der 90er-Jahre erreichte das Maxim die Auswirkungen der Jugoslawienkriege. Viele Flüchtlinge kamen nach Frankfurt. Einige von ihnen besuchten regelmäßig das Maxim und wurden zu Freunden. „Allerdings gab es auch welche, die unter der Woche im Krieg waren und am Wochenende voll auf Drogen und unter Strom bei uns einkehrten“, sagt Anja, die an der Tür zunehmend mit einer aggressiveren Stimmung zu tun hatte.

Plötzlich änderte sich was, unsere kindliche Spielwiese der Verwirklichung wurde erwachsener und alles insgesamt anstrengender“, erinnert sie sich. Etwa 1996 verließ Anja schließlich das Maxim und trat ihren Job als Therapeutin an. Hauke, vorher Tresenchef, übernahm daraufhin die Geschäftsführung.

Hauke an der Kasse. Foto: privat.

Das wachsende Gewaltpotenzial im Bahnhofsviertel bekam auf drastische Weise auch Stammgast Dragan zu spüren, der ein nicht ungefährlicher Zeitgenosse aus dem Milieu war. Er liebte die klebrige Maxim-Spezialität „Teufelchen“, ein Johannisbeeren-Schnaps, der gut über die Theke ging. Eines Tages wurde er vorm Doris Pub von Unbekannten abgestochen. Er soll angeblich wenige Tage vorher noch gewarnt worden sein und daraufhin gesagt haben: „Legt mir Gladiolen aufs Grab“. Der Fall wurde nie aufgeklärt.

Slash, Toten Hosen und Take That: Promis tauchen im Maxim ab

„Viele Bands sind nach ihren Konzerten gerne zum Feiern ins Maxim gekommen. Ich habe nie eine große Nummer daraus gemacht und bin an den Tresen gerannt und gesagt, da ist der oder die“, erzählt Anja. So konnten die Promis in der Masse eintauchen und wurden meistens im Getümmel gar nicht erkannt. Es sei denn sie verrieten sich selbst, wie etwa einmal Mark Owen von Take That, der durch seinen auffälligen Tanzstil die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Stefan (Bar) und DJ Jan. Links im Bild: der legendäre Pistazien-Automat. Foto: privat.

Slash von den Guns’n’Roses war mal zu Gast im Maxim und legte zusammen mit DJ Freitag auf. Einmal gab es eine Aftershow-Party von den Toten Hosen. Des Weiteren wurden Leute wie Mick Hucknall (Simply Red), Marianne Rosenberg, Kurt Hauenstein (Supermax) und Frank Farian im Club gesichtet. Oder Bela B von den Ärzten, der eines Nachts vor DJ Jan kniete und meinte: „So einen geilen Laden haben wir in Berlin nicht.“

Brote schmieren, Drogen nehmen: das Kabuff

Alkohol, Marihuana, Ecstasy, Koks und Speed waren ständige Begleiter der Nacht. Eingenommen wurden die illegalen Substanzen auf den Klos. Oder, nur für einen ausgewählten Kreis eine Option, im berüchtigten Kabuff, das geradeaus von den Toiletten zugänglich war. Von dort aus gelangte man auch über eine kleine Treppe in den DJ-Bereich.

Der kleine Raum diente ursprünglich als Rumpelkammer. In den frühen Maxim-Tagen wurden hier belegte Brote geschmiert, welche gegen fünf Uhr morgens kostenlos an die Gäste im Club rausgingen – manchmal allerdings ohne Belag, weil dieser zuvor vom Team weggefuttert wurde.

Ein Ort für lange Nächte: Das „Kabuff“. Foto: privat.

Dann mutierte der Abstellraum irgendwann zur Secret Lounge, und kleine Trupps verschanzten sich dort regelmäßig zu intimen Partynächten. Die Tür ging nur dann auf, wenn jemand mit einem leeren Tablett zum Tresen wankte und mit einem neuen Getränke-Bataillon zurückkehrte. Drinnen wurde herum philosophiert, geraucht, Karten gespielt und Blödsinn gemacht.

Gundi ruft zur Afterhour

„The Faith Healer“ von der Alex Harvey Band war eine der Schlusshymnen im Maxim. Danach, um sieben Uhr morgens, läutete Transvestit Gundi, die zusammen mit Slavi das legendäre Tresen-Duo an der hinteren Bar bildete, auf ihre frech-obszöne Art lautstark die Afterhour ein: „Los jetzt ihr Fotzen, zahlen, gefickt wird später“, ertönte es dann durch den Club. Und so pilgerten die unersättlichen Gestalten weiter zur nächsten Party.

Mein Kumpel Holger (li.), ich und Dinko hinterm DJ-Pult. Foto: privat.

Einige tankten zuvor jedoch erst mal Energie beim Frühbäcker in der Poststraße, wo sie zu Würstchen im Schlafrock und Bier einen Zwischenstopp einlegten. Oder in der „Sieben-Minuten-Pizzeria“ auf der Taunusstraße, die man auf dem schnellsten Weg durch die Moselstraße erreichen konnte. Manche nannten das den „Junkie-Hürdenlauf“.

Beliebte Afterhour-Spots waren vor allem das Romantica. Später, nach dessen Schließung, dann die Intimbar. Beide lagen nur einen Katzensprung vom Maxim entfernt. Hier kehrte der harte Kern ein. Wer wollte, konnte dort bis in den frühen Nachmittag hinein weiterfeiern. Ein häufiges Bild: Manche koksten direkt vom Tisch weg. Partyleute unter sich eben.

Getränkekarte vom Romantica. Foto: privat.

Andere ließen wiederum die Nacht in privater Runde ausklingen. Im Sommer lud zudem die Langener Sehring zum kollektiven Chillen ein. Ansonsten lief man rüber ins Omen oder trabte zu anderen Raves in der Stadt weiter. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine intensive Techno-Party um 1992 mit Sven Väth in einem alten, unweit der ehemaligen Music Hall gelegenen Fabrikgebäude. Dort konnte man im 30-Minuten-Takt beobachten, wie übermütige Raver mit Schaum vorm Mund abtransportiert wurden. Irgendwo ging immer was.

This is the end, my only friend, the end

Die beste Zeit hatte das Maxim zum Zeitpunkt der Schließung hinter sich gelassen. Der einstige Hype und die langen Schlangen vorm Eingang gab es längst nicht mehr. Aber das war nicht der Grund, warum der Club im April 1997 schließen musste. Die Abwasserleitungen waren vom Urinstein dicht. Das Haus musste grundsaniert werden.

„Die Bausubstanz war nach den vielen Jahren runtergerockt. Hektoliter an Schweiß, Natursekt und Sperma haben das Fundament aufgefressen. Und damit es kein schiefer Turm von Pisa wird, musste erstmal alles raus“, erzählt Hauke. Dafür nahmen die Hausbesitzer einen Millionenkredit auf. Einer der beiden hatte einen Sohn, der zu der damaligen Zeit gerade 18 Jahre alt war. An ihn wurde die Geschäftsführung übergeben. Ein Jahr später folgte dann die Pleite.

Der noch leere Club in der Closing-Nacht. Foto: privat.

Die Closing-Party war, wie so ein Abschied nun mal ist, eine emotionale Achterbahnfahrt. Insgesamt gesehen war es ein eher sang- und klangloseer Abgang. Ganz genau weiß ich es nicht mehr, wer alles in der letzten Nacht auflegte. Micky sehr wahrscheinlich. Aber ziemlich sicher mit dabei war außer mir noch Dr. No „d“äny, der am Schluss leider die volle Schlagkraft eines Türstehers zu spüren bekam, weil wir die Musik einfach nicht ausmachen wollten. Das Ende war gekommen – man wollte es nur nicht wahrhaben.

Dank für die gemeinsame Zeit geht an:, Alex, Andrea, Anja, Anja, Andi, Andy, Can, Claude, Daniel, Dinko, Dusan, Esra, Fara, Flo, Freitag, Gundi, Gürcim, Jan, Jens, Jörg, Hauke, Ismail, Kevin, Markus, Martin, Micky, Mohammed, Oli, Peter, Robbie, Rondo, Sandra, Sascha, Silvio, Simone, Slavi, Stefan, Stone, Steffi, Thilo, Uta, Winson, Zwicki und alle anderen vom ehemaligen Team (Bar, DJs, Tür), die ich jetzt vergessen habe…