Freestyle statt Techno: Tapes aus dem Frankfurter Omen von 1988 bis 1990
Partycrowd im Frankfurter Omen, 90er Jahre. Photo: Ernst Stratmann.

Freestyle statt Techno: Tapes aus dem Frankfurter Omen von 1988 bis 1990

März 15, 2021 1 Von Alexander Antonakis

Im Frankfurter Omen wurde in den frühen 90ern Rave-Geschichte geschrieben. Vor allem steht Sven Väths Nightlife-Tempel für ausufernde Techno- und Trance-Nächte. Doch in den ersten Jahren des Club-Bestehens dominierte noch ein freestyliger Sound den Dancefloor in der Junghofstraße. Alte Live-Mitschnitte auf Kassette geben einen sehr guten Eindruck davon.

Eine Zeit lang gab es im Omen diese speziellen Montagspartys, an denen die weiblichen Gäste bis 2 Uhr Freigetränke erhielten. In der zweiten Reihe standen die Jungs und warteten auf die Drinks, die ihre Freundinnen ankarrten. Das war im Jahr 1989. Damals habe ich dort zum allerersten Mal „Bring Forth the Guillotine“ gehört, eine schnelle Hardcore-Rap-Nummer von Silver Bullet aus England. Davor oder danach lief Ragga-House, Tracks wie „Stakker Humanoid“, HipHop von Eric B. & Rakim und Songs wie zum Beispiel der internationale Hit „The Power“ von Snap!, das 1989 gegründete Projekt von Michael Münzing und Luca Anzelloti.

Kurzum: Der Sound in den frühen Omen-Jahren war noch ein ziemlicher Gemischtwarenladen. Erst ab circa 1991 wurde das musikalische Konzept strikt auf Techno und Trance umgeswitcht. Einen wesentlichen Grund dürfte dabei die Loveparade im selben Jahr gespielt haben, bei der erstmals ein Wagen aus Frankfurt am Start gewesen ist. Mit weitreichenden Folgen: die heimischen Teilnehmenden brachten glückselige Rave-Euphorie mit nach Hause, die sie in der Stadt überall verteilten. Eine neue Ära der Partykultur nahm endgültig seinen Lauf. Wir schauen nun auf die Zeit kurz davor zurück:

Live-Mitschnitt November 1988

Mit Salt ‚N‘ Pepas „Get Up Everybody“ geht dieser Live-Mitschnitt mit dem nicht ganz so passenden Namen „Acid Mix“ aus dem Jahr 1988 ins Rennen. Eine Aufnahme, die nur etwa einen Monat nach der Omen-Eröffnung entstand. Im weiteren Verlauf sind Stücke wie „Big Bubbles“ von Ellis, Beg & Howard, „Follow the Leader“ von Eric B. & Rakim, Inner Citys „Big Fun“ und einige andere bekannte Dance-Nummern von Kraze oder Ten City zu hören. Auf der B-Seite geht es ähnlich weiter, aber insgesamt etwas housiger. Hier sind unter anderem Tracks von Bam Bam, Bomb the Bass und gleich drei Stücke von Royal House vertreten. Auffallend sind besonders die krassen Tempiwechsel und die Tatsache, dass Slip-cueing vom DJ womöglich überwertet oder (noch) nicht beherrscht wurde.


Omen, Oktober 1989

Oooh, das geht auf der A-Seite sehr soft los. Klingt nach Sekt und Kaminfeuer. Dann baut sich der Sound im New-Jack-Swing-Style langsam auf. Es folgen etwas HipHouse von Deskee und träumerische House-Hymnen wie „Seduction“ von Paul Rutherford oder DFX, das Ganze fresh am Mixer gecuttet. Dann plötzlich zum Ende hin ein Schock: „I’m Gonna Miss You“ von Milli Vanilli. Auf der B-Seite setzt sich dann der Freestyle fröhlich fort. Ein Highlight blitzt etwa in der Mitte auf: „Sueño Latino“, das auf einem Sample von Manuel Göttschings „E2-E4“ basiert.


Tape vom 12. August 1990

Da ist er ja, der Snap!-Hit, gefolgt von den Jungle Brothers, die ich 1989 live in der Batschkapp sehen durfte. Das Tempo zieht nun mit Tracks von unter anderem Betty Boo, Pal Joey und Age of Love an, um dann im letzten Drittel wieder kurz an Fahrt zu verlieren, bevor mit Baby Fords „Children of the Revolution“ wieder angezogen wird. Auf der zweiten Seite erwarten uns Klassiker von Anne Clark, Eurythmics, D-Shake und Chad Jackson, stets im Geschwindigkeits-PingPong mit langsameren Stücken in Szene gesetzt.


Mehr Oldschool-Mixe aus ehemaligen Frankfurter Clubs findet ihr hier oder auf der Mixcloud-Seite Forgotten Tapes.

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