Angelika Hefner präsentiert zehn  Musikbücher aus fünf Dekaden
Angelikas Avatar. Grafik: Jan Langela

Angelika Hefner präsentiert zehn Musikbücher aus fünf Dekaden

Mai 18, 2021 0 Von Alexander Antonakis

Von den 70ern bis heute: Angelika Hefner, gelernte Buchhändlerin und freiberufliche Lektorin, stellt für Music Mind zehn Musikbücher aus ihrem umfangreichen Literatur-Archiv vor, das sie über Jahrzehnte angesammelt hat. Die gebürtige Mainzerin lebt seit Anfang der 80er in Frankfurt und war eine der ersten Frauen hinter den Plattentellern. Sie spielte unter anderem im Cookys, Nordisk Club, Ostklub, Feinstaub sowie auf unzähligen Unterground-Partys der Stadt. Seit 1997 hat die Musikenthusiastin außerdem ihre eigene monatliche Sendung „Venus Lounge“ auf Radio X. Music please!

Gary Herman, Rock’n’Roll Babylon (Heyne, 1982)

Nicht nur der Titel erinnert an Kenneth Angers Skandalbibel „Hollywood Babylon“, in der ausgiebig über Sex, Drugs, Scheidungen und Todesfälle im Filmbusiness berichtet wurde, von der Stummfilmzeit bis zum Golden Age of Hollywood. Auch dieses Buch befasst sich auf über 400 Seiten mit dem, was die Rock- und Popwelt seit den 50er-Jahren so attraktiv macht (neben der Musik selbstverständlich): mit den dunkleren Seiten eines glamourösen Geschäfts. Erschienen 1982 – damit ist neben Elvis Presley immerhin auch noch Sid Vicious mit dabei.

Dave Rimmer, Like Punk Never Happened (Faber and Faber, 1985)

Auch in diesem Buch geht es um Klatsch und Tratsch innerhalb einer schillernden Musikszene – ansonsten ist dieses Buch aber keine Ansammlung von Skandalen, sondern eine schöne Chronik britischer Popmusik und Popgeschichte der frühen Achtzigerjahre. Dave Rimmer war lange freier Autor für das Magazin Smash Hits, schrieb aber auch für das etwas „erwachsenere“ The Face und kennt sich daher sehr gut aus in der britischen Musikszene. Mit dem Schwerpunkt auf der Band Culture Club schildert er die Entwicklung von Punk zum „New Pop“, zu dem er maßgeblich die New Romantics zählt und Bands wie Duran Duran, Spandau Ballet und Frankie Goes To Hollywood, die aus dieser Szene stammten oder durch sie berühmt wurden. 


A Decade of i-Deas, compiled by i-D magazine (Penguin Books, 1990)

In den Achtzigern war das Magazin i-D so etwas wie die inoffizielle Style-Bibel aller Fans von britischen Mode- und Musiktrends, und besonders interessant für alle Nicht-Briten waren die Fotostrecken, in denen besonders auffallend gestylte Leute von der Straße bewiesen, dass man für guten Geschmack nicht viel Geld brauchte. Das Zauberwort war Oxfam – allerdings war diese Ladenkette damals in Deutschland unbekannt und es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis hier die ersten Shops eröffneten, allerdings mit einem wesentlich unglamouröseren Angebot.

In dieser selbsternannten „encyclopedia of the 80s“ findet man genau das, alphabetisch angeordnet: Pop, Politik, Mode, Clubs, Bands, Szenen. Eine nostalgische und unterhaltsame Zeitreise.

Michael Heatley, Das Mädchen aus dem Song (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010)

Dass die Pop- und Rockmusik früher fast ausschließlich männlich war, sieht man nicht zuletzt an den vielen Songs mit Frauennamen wie Angie, Lola, Suzanne, Sharona und Peggy Sue. In diesem schönen Schmöker begibt sich der Musikjournalist Michael Heatley auf die Suche nach den Geschichten hinter den Songs, die nicht alle weibliche Namen tragen, aber stets um die Angebetete kreisen. Eine sehr unterhaltsame Spurensuche quer durch die Popgeschichte mit vielen Hintergrundinfos und garniert mit reichlich Klatsch und Tratsch.


Album Covers from the Vinyl Junkyard (Booth-Clibborn Editions/Gingko Press, 1997)

Ein prachtvolles Bilderbuch, das 40 Jahre LP-Design Revue passieren lässt und alle Vinyljunkies in ihrer Sammelleidenschaft bestätigt. Bekannte Namen findet man hier sehr selten – stattdessen gibt es Obskures, Wunderliches, Lustiges und sehr Schräges zu bestaunen aus der Welt von Lounge Music, Exotica, Country, Tanzmusik, elektronischer Avantgarde und noch vielem mehr. Der nächste Flohmarktbesuch kann kommen, denn irgendeins der Exemplare aus diesem Buch ist dort bestimmt für kleines Geld zu haben.

Uli Engelbrecht/Jürgen Boebers, Licht aus – Spot an! (Klartext Verlag, 1995)

Die Herausgeber bezeichnen dieses Buch als ein Lesebuch der 70er – geschrieben von Fans für Fans. Und deshalb geht es in diesem dicken Schmöker nicht nur um die Musik dieser Zeit, um Glamrock und Hardrock, Blödelbarden und Disco, Politrock und frühen Punk. Sondern auch um Mode und Fernsehen (siehe Titel), um Politik und populäre Kultur und das alles meistens aus der höchst subjektiven Sicht von Zeitzeugen. Abgerundet wird das Ganze von den ebenso subjektiven „30 wichtigsten LPs der 70er-Jahre“ und Kapiteln wie „Neuigkeiten von gestern“ und einem Musik-Quiz. Ein unterhaltsames Geschichtsbuch für die popinteressierten Nachgeborenen und eine schöne Zeitreise für alle, die damals als Teenager das Leben entdeckten.


Juliane Streich (Hrsg.), These Girls (Ventil Verlag, 2019)

Wer einen aktuellen Überblick über den Einfluss und die Kreativität von Frauen im Musikbusiness haben möchte, der hat auf diesen gut 300 Seiten ausgiebig Gelegenheit dazu. Journalist*innen, Musiker*innen und Fans schreiben hier über Künstlerinnen, die sie lieben, die sie beeinflussten und die sie nicht missen möchten, und das von den 40er- bis zu den 2010er-Jahren. Die Bandbreite ist enorm und reicht von Nina Simone, Hildegard Knef, Dusty Springfield und Karen Carpenter über Kate Bush, die Slits, Blondie und Annette Humpe bis zu Peaches, den Spice Girls, Lady Gaga und Lana Del Rey – von den vielen weniger bekannten, aber sehr entdeckenswerten Künstlerinnen ganz zu schweigen. Ein tolles Lesebuch.

The Beat Goes On – Kalendarium toter Musiker 2016 (Suhrkamp, 2015)

Diese großartige Buch- beziehungsweise Kalender-Reihe gibt es leider nicht mehr – was überaus schade ist und eigentlich nicht daran liegen kann, dass den Herausgebern die Protagonisten ausgegangen sind. Gestorben wird immer und auch bei Rockmusikern oftmals erstaunlich unspektakulär, wie man in diesem großartigen Kalender sehen kann. Jeder Tag ein Todestag und weil es immer unterschiedlich viele Todesfälle sind, variiert der Platz für Notizen auch entsprechend. Am Ende der kurzen Info folgt jeweils die Erwähnung der Todesursache, die nur selten nicht bekannt war. Und am Anfang jeder Woche ist die linke Seite stets für einen längeren Text reserviert, den „Death Of The Week“. Trotz des morbiden Themas eine unterhaltsame und informative Lektüre.


Siegfried Schmidt-Joos/Barry Graves, Rock-Lexikon (rororo, 1973)

Für die Frankfurter Rundschau war dieses Buch seinerzeit die „Bibel für Fans“, und auch wenn die hier erwähnte Ausgabe des Rock-Lexikons aus heutiger Sicht etwas verstaubt anmutet – Ende der Siebziger war Schluss –, so hat es mit Sicherheit das Leben vieler Musikfans geprägt. Und Anfang der Neunziger gab es dann ja auch eine zweibändige Neuausgabe namens „Das neue Rock-Lexikon“, auf der nicht der gemalte Roger Daltrey der Ur-Version zu sehen war, sondern jeweils ein Foto, einmal Siouxsie und einmal Prince. Aber genauso wie die erste Liebe, die man nicht vergisst, so ist auch das zerlesene und vergilbte erste Rock-Lexikon etwas Besonderes, von dem man sich niemals trennen würde – auch wenn man nie wieder reinschaut.

Charlotte Greig, Will You Still Love Me Tomorrow? (rororo, 1991)

Die Spurensuche, auf die sich die Journalistin Charlotte Greig in diesem Buch begeben hat, endet zwar Anfang der Neunziger – womit sie die Riot Grrls knapp verpasst hat –, aber bis dahin kann man eine Menge Frauen entdecken, die in der Musikgeschichte bis heute wichtig sind. Vom Doo-Wop und Teenager-Pop der Fünfziger über die Blütezeit der Girl Groups in den Sechzigern, von den Soul- und Disco-Diven der Siebziger bis zu den Achtzigern, in denen Frauen vor allem in Punkbands und später dann im Hip Hop von sich hören machten. Eher Sachbuch als Schmöker, trotzdem aber interessant und informativ.

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